Die Fakten zum Fall

Neue Fakten zum Fall.

 

03.10.2017

Nach zahlreichen Berichterstattungen in den Medien zu Hintergründen und den Ausführungen von Bundespräsident Steinmeier wurden diese Berichte ständig aktualisiert auf causa-reitzenstein.com zusammengestellt.

Der „Fall“ wurde in aller Kürze in Wikipedia zusammengefasst auf der Seite „Michael Wildt“ abgerufen am 03.10.2017:

Kontroverse

Der Wissenschaftler wurde vom Bundespräsidialamt mit der Begutachtung der Recherche von Julien Reitzenstein zum jüdischen NS-Opfer und Vorbesitzer der Dienstvilla des Bundespräsidenten, Hugo Heymann, beauftragt. Reitzenstein hatte in seinem Buch ‚Himmlers Forscher“ unter anderem die sogenannte Arisierung des Bauwerks und deren Übertragung auf den Verleger Waldemar Gerber aufgedeckt. Er wurde in der Folge von Wildts Mitarbeiter Sören Flachowsky in einer Rezension auf H-Soz-Kult beschuldigt, er habe in einem Teilbereich „auf eine Darstellung der Verbrechen“ verzichtet, „was aber angebracht gewesen wäre.“ Das Landgericht Hamburg erkannte aufgrund einer Klage von Reitzenstein, dass Herrn Flachowsky verboten sei, unwahre und ehrverletzende Behauptungen zu verbreiten. Wildt hat als Begutachter bei H-Soz-Kult den umstrittenen Text seines Mitarbeiters freigegeben.“

Zu ergänzen wäre noch, dass ich vor dem – aus beruflichen Gründen zwinged erforderlichen – Gang zu Gericht intensive Bemühungen zu wissenschaftlichem Dialog unternommen habe, doch die Gegenseite bis heute schweigt, wie weiter unten auf dieser Seite belegt.

Akademischer Diskurs wird nicht einfacher, wenn eine Seite jeden Dialog verweigert. Über die Gründe für dieses Schweigen möchte ich nicht spekulieren.

Bei einem Gespräch im Bundespräsidialamt im März 2014 (!) regte ich dort an, folgenden Maßnahmen zuzustimmen:

a) Eine einordnende Gedenktafel zu Hugo Heymann, der Geschichte der Dienstvilla des Bundespräsidenten und des sie umgebenden Areals, das vom SS-Ahnenerbe als Quelle völkischer Ideologie und grausamer Medizinverbrechen genutzt wurde.

b) Einen Stolperstein für Hugo Heymann, den jüdischen Vorbesitzer und seine Gattin.

Beides ist bislang nicht umgesetzt. Nachdem jedoch Herr Professor Wildt auf seiner Homepage beide Vorschläge nun öffentlich guthieß, war das ein guter Anlass, in den akademischen Diskurs zurückzukehren. Ein Historiker vom Format und mit der Reputation von Professor Wildt wäre eine große Bereicherung für mein seit nun dreieinhalb Jahren angestrebten Vorhaben zum Gedenken an die in „Himmlers Forscher“ beschriebenen Opfer des NS-Regimes. Daher lud ich ihn am 07.09.2017 ein, die Vergangenheit ruhen zu lassen und in Dialog zu treten.

 

 

11.08.2017

Durch zahlreiche Medienanfragen und Interview-Anfragen (denen ich nicht entsprechen möchte) wurde ich auf einen Sachverhalt aufmerksam, der eine bemerkenswerte zeitliche Koinzidenz im Sachverhalt „Rezensent Flachowsky / Redakteur Wildt“ einerseits und „Causa Reitzenstein“ andererseits aufweist:

Details finden sich unter: www.causa-reitzenstein.com

Erste Medienreaktionen stellen Behauptungen auf: BILD vom 12.08.2017

„Heymanns nichtjüdische Witwe Maria versuchte 1951, die Villa wiederzubekommen. Obwohl ihre Haushälterin (…) und Sollmann in ihrem Sinne aussagten, lehnte das Berliner Landgericht, kurz nach dem Krieg noch von strammen Nationalsozialisten durchsetzt, ihre Klage ab. Ein Notar, der wie viele Nazis nach 1945 in Argentinien lebte, sagte aus, der Verkauf sei normal vonstatten gegangen. Dieser Auffassung hat sich der Historiker Michael Wildt (63) in einem mit Steuergeld finanzierten Gutachten für das Bundespräsidialamt weitgehend angeschlossen.

Der forensische Historiker Julien Reitzenstein (43), der den Fall durch Archivrecherchen und Publikationen schon 2014 aufdeckte und das Bundespräsidialamt auf den jüdischen Vorbesitzer aufmerksam machte, nennt das damalige Urteil ‚zynisch‘.“

Die Fakten zum „Fall Reitzenstein gegen Flachowsky“:

1. Über Meinungen diskutiert man nicht – über Fakten schon

Am 14.06.2016 wurde die von Professor Dr. Michael Wildt als Redakteur betreute Rezension von Sören Flachowsky auf HSozKult veröffentlicht. Am 20.06.2016 mailte ich an den Rezensenten und den Herausgeber von HSozKult, Professor Dr. Rüdiger Hohls in cc, und führte einige Punkte auf, die mir nicht zutreffend erschienen. Dabei ging es nicht um Meinungen, Wertungen oder „fachliche Urteile“, sondern um falsche Tatsachenbehauptungen und auch fachliche Fragen. Nun wollte ich den Rezensenten nicht mit einer öffentlichen Replik bloßstellen, sondern mit ihm zuvor den klärenden Dialog über seine Behauptungen suchen, von denen elf mir diskussionswürdig schienen. Daher schrieb ich:

„Lieber Sören, […] H Soz Kult wird von der ganzen Historiker-Community gelesen. Dort rezensiert zu werden und dann noch von jemandem, der sich in seiner eigenen Dissertation mit ähnlichen Feldern befasst hat, ist gewiss eine schöne Grundkonstellation. Daher zunächst einmal: Herzlichen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast, mein Buch durchzusehen und Dich mit wesentlichen Abschnitten intensiver zu befassen. […] Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass ein Rezensent Dinge anders sieht als ein Autor. […] Insoweit ist mein Anliegen nicht, mich zu beklagen oder gar Änderungen einzufordern in Bezug auf Sachverhalte, über die man geteilter Meinung sein kann. […] Da die Rezension jedoch in Teilen einerseits rufschädigend für den Autor, andererseits für den Rezensenten – neben den Folgen für die anderen Involvierten – zu sein vermag, rege ich an, die Situation
a) kurzfristig
b) im Dialog
c) konsensual
zu lösen. […] Dazu biete ich ein kurzfristiges Gespräch an, bevorzugt unter Einbeziehung eines Herausgebers der Website.“

 

Während ich ausdrücklich schrieb, dass ich keine Änderungen einfordere über Sachverhalte, über die geteilter Meinung sein kann, teilt die Redaktion von H-Soz-Kult hingegen am 20.02.2017 mit mit Verweis auf o.g. e-mail mit: „verlangte der Autor an insgesamt elf Stellen der Rezension Änderungen.“ Auf die e-mail selbst erfolgte keine Antwort. Weder von Herrn Flachowsky, noch von Herrn Hohls.

2. Der beste Weg: Dialog suchen und wissenschaftliche Diskussion führen

Zu den elf vorgenannten, aus meiner Sicht diskussionswürdigen Punkten zählen die beiden hier exemplarisch ausgewählten. Herr Flachowsky schrieb:

„Bei der Betrachtung der Abteilungen von August Hirt und Sigmund Rascher verzichtet Reitzenstein mit Blick auf die Forschungslage auf eine Darstellung der Verbrechen, was aber angebracht gewesen wäre.“

Das sehe ich auch so – schon die Empathie mit den Opfern macht es angebracht, diese grausamen Verbrechen des NS-Regimes ans Licht zu holen: Wer nun aber „Himmlers Forscher“ einmal durchblättert, wird feststellen, dass die beiden genannten Kapitel beinahe ausschließlich die Schilderung der grausamen und unmenschlichen Verbrechen zum Gegenstand haben:

Im Kapitel „Rascher“ mit 43 Seiten wurden Verbrechen Raschers auf mehr als 32 Seiten erwähnt und dargestellt, darunter die luftfahrtmedizinischen Versuche, der mutmaßliche Mord an seiner Haushaltshilfe, Betrug, versuchte Körperverletzung durch Typhus-Serum-Herstellung und -anwendung, Missbrauch von Häftlingen als Versuchspersonen für Blutstillmittel, mutmaßliche Bestechlichkeit auf zwei Seiten und mehrfache Kindsentführungen.

Im Kapitel „Hirt“ – mit 64 Seiten der Schwerpunkt des Buches – wurden dessen Verbrechen auf 61 Seiten erwähnt und dargestellt, darunter die Experimente an Wehrmachtsfähnrichen, die Versuche mit Lost an Häftlingen, das Verbrechen der „Straßburger Schädelsammlung“, sowie die Unterstützung der Phosgen-Versuchen von Otto Bickenbach und der Fleckfieber-Versuche von Eugen Haagen, die beide entgegen der Auskunft des Rezensenten keine Mitarbeiter des Instituts wie Hirt und Rascher waren.

In diesen beiden Kapiteln werden jene beiden Abteilungen vorgestellt, in denen Humanversuche stattfanden. In ihnen werden die Leiden der Opfer spürbar, was die Grundlage der Einschätzung im Fazit des Buches ist: Der unzweifelhaft verbrecherische Charakter des untersuchten Instituts. Herr Flachowsky versichert hingegen den gutgläubigen Lesern seiner Rezension, dass in Himmlers Forscher auf die Darstellung der Verbrechen verzichtet wurde, obschon deren Darstellung aber angebracht gewesen wäre. Der Rezensent kritisiert auch mein folgendes Forschungsergebnis als „problematisch“ – und nicht nur Historiker verstehen, was im Kontext mit NS-Verbrechen die Zuschreibung „problematisch“ meint:

„Es wird gezeigt, dass Rascher von Beginn an letale Versuche anstrebte, Sievers jedoch nie von sich aus derartige Versuchsanordnungen forderte. Daraus ergibt sich, dass Sievers selbst ‚nur‘ an zwei Stellen von sich heraus potentiell todbringende Maßnahmen forciert hat: Bezüglich der Lost-Versuche von Hirt und bezüglich der sogenannten ‚Jüdischen Skelettsammlung‘.“ (S. 61)

Er weist darauf hin, dass dies unrichtig sei, da ich ja selbst im Buch belege, bei welchen weiteren Verbrechen Sievers Mittäter war und dass er dafür hingerichtet wurde.

Nun ist es aber rechtlich ein deutlicher Unterschied, ob jemand sich ein Verbrechen ausdenkt und dieses dann forciert umsetzt oder ob jemand Mittäter bei Verbrechen anderer ist. Aus genau diesem Grunde habe ich differenziert, inwieweit Wolfram Sievers „letale Humanversuche forcierte, koordinierte und finanzierte (S. 89f., 92, 120f., 122f., 129f., 150, 155f.) und sogar einigen Versuchen persönlich beiwohnte“ und inwieweit er „selbst ‚nur‘ an zwei Stellen von sich heraus potentiell todbringende Maßnahmen forciert hat.“. Ergänzt habe ich das um den Hinweis, dass Sievers Alternativen zum Humanversuch – um den Gegensatz zu Rascher zu zeigen – immer akzeptiert hat.

Wer nun eine juristische Differenzierung bei der Darstellung von Verbrechen „problematisch“ findet, wirft Fragen zu seinem Rechtsverständnis auf. Leser vertrauen Rezensenten. Wenn der Rezensionsleser zu dem Eindruck gelangen kann, dass der Autor NS-Verbrecher „problematisch“ relativiere und gleichzeitig die Leiden der Opfer gänzlich unerwähnt lässt, ist das nicht immer folgenlos. Insbesondere, wenn der Rezensent im letzten Abschnitt dem Leser seine Erkenntnis vermittelt, dass der Autor lediglich „ungewollt“ auch zu korrekten Ergebnissen gekommen sei.

Ein jeder Leser mag prüfen, wie er – sei er Hochschulangehöriger, sei er in der freien Wirtschaft – mit jemandem umgeht, der „unter Verdacht“ steht: Relativierung von NS-Verbrechern bei gleichzeitigem Verschweigen des verbrecherischen Charakters der von diesem veranworteten Menschenversuche, bescheinigt durch einen Experten. Und ich wünsche niemandem, einschließlich der Beteiligten, dass sie jemals die beruflichen und familiären Folgen eines solchen Verdachts erleben müssen. Klarstellungen werden nicht leichter, wenn entgegnet wird, dass es „wohl schon seine Gründe haben wird, wenn die ‚Experten‘ sich über Monate weigern, auf Kontaktversuche zu reagieren.“ Oder: „Welcher ernsthafte Historiker würde mit jemandem unter solchem Verdacht dessen Relativierungsthesen diskutieren wollen?“ Die perfekte selbsterfüllene Prophezeiung.

3. Der Rechtsweg ist immer nur der schlechtere Weg

Während ich weiter auf verschiedenen Ebenen auf Kontakt zu Herrn Flachowsky hoffte, wuchs der öffentliche Druck. Die Frage, wie man dazu komme, NS-Verbrechen zu relativieren und die grausamen Verbrechen einfach unter den Tisch fallen zu lassen, macht Eindruck. Wenn diese Fragen nicht nur im wissenschaftlichem, sondern auch im beruflichen und familiären Umfeld für Misslichkeiten sorgen, ist es schwer, sich mit der Verweigerung der wissenschaftlichen Diskussion abzufinden. An diesem Punkt schaltete ich meinen Rechtsanwalt ein.

Doch auf dessen Schreiben vom 30.06.2016 reagierte Herr Flachowsky ebenfalls nicht. Dies, obschon das Schreiben mein Bedauern betonte, statt Annahme von Dialogofferten überhaupt einen Anwalt bemühen zu müssen und wir hofften, „dass die Angelegenheit auf diesem Wege geklärt werden kann“ und keine gerichtliche Hilfe benötigt werde. Bis hierhin hätte mein Bitten um Korrektur des unwahren und für mich mit wirtschaftlichem Schaden einhergehenden Behauptung Herrn Flachowsky keinen Cent gekostet.

Herr Flachowsky reagierte nicht, womit er nicht nur Dialog, sondern auch die für ihn kostenfreie Einigung ablehnte auf der Verbreitung des Satzes beharrte, den sein Herausgeber, Professor Dr. Hohls, als unwahr qualifizierte. Es mag dahingestellt bleiben, was die Verbreitung von Unwahrheiten mit Wissenschaft zu tun haben könnte.

Auf anwaltlichen Rat wurde daher zunächst bei der zuständigen Pressekammer des Landgerichts Hamburg der Antrag gestellt, erst einmal nur eine der von mir als problematisch angesehenen Behauptungen wegen erwiesener Unwahrheit im Wege der Einstweiligen Verfügung zu untersagen. Das Landgericht untersagte Herrn Flachowsky am 27.07.2016, weiterhin zu behaupten:

„Bei der Betrachtung der Abteilungen von August Hirt und Sigmund Rascher verzichtet Reitzenstein mit Blick auf die Forschungslage auf eine Darstellung der Verbrechen.“

Das Landgericht sah dies genau so und entschied daher antragsgemäß. Zudem sah den Schaden durch eine Behauptung als so gravierend an, dass es wegen Dringlichkeit gleich einen Beschluss erlassen hat, ohne Herrn Flachowsky anzuhören. Die rechtliche Hürde für solch ein Verfahren liegt sehr hoch. Juristen erklären, dass die gegenständlichen Behauptungen sowohl unwahr, als auch ehrverletzend sein müssen, um mit einer gerichtlichen Entscheidung die Interessen des Antragstellers über die Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit stellen zu können. Und um zu deeskalieren, klagte ich nicht auf Schmerzensgeld oder Schadenersatz für das, was meine Familie und ich an wirtschaftlichen Folgen trugen. Denn ich suchte ja keinen Rechtsstreit, sondern den Dialog mit dem Rezensenten.

Herr Flachowsky verzichtete auf einen Widerspruch gegen die Verfügung und damit die Möglichkeit, der Kammer seine Argumente darzulegen, die Verfügung aufheben und damit mir die ganzen Kosten auferlegen zu lassen. Herr Flachowsky hat die Verfügung am 20.08.2016 anerkannt. Die vergeblich angebotene wissenschaftliche Diskussion hingegen wäre kostenfrei gewesen.

In dem auf H-Soz-Kult reagierenden Zeitungsartikel hieß es zur gerichtlichen Entscheidung und der von Herrn Flachowsky anerkannten Verfügung:

„Doch die Organisatoren der Plattform beugen sich nur juristisch und bleiben ihrer Maxime treu, den Streit wissenschaftlich zu klären. Dazu haben sie Reitzenstein mit feiner Finte erneut aufgefordert: Michael Wildt und Rüdiger Hohls haben „eine eigenständige Bewertung des Buchs“ veröffentlicht, die Flachowskys Kritik über weite Strecken paraphrasiert.“

Es muss unklar bleiben, weshalb „feine Finten“ nun besser sein sollen, als die gute akademische Praxis des von mir mehrfach erbetenen wissenschaftlichen Dialoges. Die Herren Hohls und Wildt schreiben:

„Nach unserer Einschätzung entbehrt Reitzensteins gerichtliches Vorgehen gegen den Rezensenten jeder wissenschaftlichen Grundlage.“

Die wissenschaftliche Diskussion hat im Gegensatz zu „feinen Finten“ vie: Man könnte dann Herrn Hohls und Herrn Wildt fragen, weshalb sie es für wissenschaftlich richtig befinden, falsche Tatsachen zu verbreiten.

Ebenso könnte man Herrn Wildt fragen, weshalb er als Vorgesetzter von Herrn Flachowsky die erneute Rezension selbst schrieb. Er hätte auch einen Unbeteiligten um eine Rezension bitten können, beispielsweise einen Experten für das Thema von „Himmlers Forscher“: die NS-Medizingeschichte.

In jedem Falle aber könnte man Herrn Hohls, als Herausgeber von H-Soz-Kult gewiss eine Koryphäe in Sachen wissenschaftlicher Standards, fragen, weshalb er mit großer Geste auf der Plattform verkündet: „Nach unserer Einschätzung entbehrt Reitzensteins gerichtliches Vorgehen gegen den Rezensenten jeder wissenschaftlichen Grundlage.“ Vor allem, wenn er dann per Tageszeitung wissen lässt, dass es sich bei der gerichtlich beanstandeten Passage tatsächlich um eine „nicht zutreffende Tatsachenbehauptung handelt.“ Diese offene Frage ist wohl der eigentliche Skandal – und sie läßt Beobachtern sehr viel Raum, wobei es bei diesem „Fall“ eigentlich geht…

4. Ist das noch Wissenschaft oder kann das weg?

Wissenschaftliche Diskussion zeichnet sich dadurch aus, dass mit gleichen Maßstäben gemessen wird. Während Herr Flachowsky mir vorwirft, dass ich dem Ahnenerbe-Geschäftsführer Sievers Einfluss über das Ahnenerbe hinaus auf den NS-Forschungsbetrieb zubillige, schreibt er selbst in der Deutschen Biographie über Sievers:

„Mit Hilfe seiner zahlreichen Funktionen verstand es S., das „Ahnenerbe“ zu einer weit verzweigten Organisation mit über vierzig wissenschaftlichen Abteilungen auszubauen, und der SS auf diese Weise Einfluß im NS-Forschungsbetrieb zu sichern.“

Am 09.11.2016 gab die Herrn Flachowsky vertretende Rechtsanwältin Hohls auch hinsichtlich der folgenden Äußerung für diesen eine Unterlassungserkärung ab:

„Ungewollt belegt das Buch ‚Himmlers Forscher‘ die in ihrer wissenschaftspolitischen und fachlichen Bedeutung stark limitierte Wirkung des ‚SS-Ahnenerbes‘ im NS-Wissenschaftsbetrieb.“

5. Wie frei ist eine Replik, wenn deren Veränderung schon vorher angeküdigt wird?

Zum wissenschaftlichen Austausch gehört, dass ein Rezensent rezensiert und der renzensierte Autor gegebenenfalls repliziert. Das würde ich sehr gern umsetzen. Am 24.06.2016 wurde mir von einer Redakteurin von HSozKult in der einzigen Mail, die ich je von dort erhielt, mitgeteilt:

„Ganz klar möchte ich sagen, dass einmal veröffentlichte Rezensionen auf H-Soz-Kult nicht nachträglich verändert werden. […] Sie als Leser von H-Soz-Kult können mir eine Replik einreichen, die ich dann redigiere und innerhalb der Redaktion diskutieren lasse. Selbstverständlich unterliegen Repliken dem gleichen redaktionellen Vorbehalt wie alle Texte für H-Soz-Kult. […] Ich habe mir deshalb selbstverständlich sofort Ihr Buch besorgt und mit der Lektüre bereits begonnen.“(Hervorhebungen d. Verf.)

Eine inhaltlich – die juristische Prüfung ist üblich und richtig – unbearbeitete Replik bei H-Soz-Kult zu veröffentlichen, war also gar nicht möglich. Diskussionen hinter verschlossenen Türen über die Replik mag mancher intransparent nennen. Insbesondere, wenn einer der ihren eigene Fehler schriftlich anerkennt. Also blieb nur die von mir erbetene wissenschaftliche Diskussion. Eine Diskussion über ein Buch macht jedoch wenig Sinn, wenn Diskussionspartner es nicht gelesen haben. Seit vielen Monaten warte ich nun auf eine Reaktion der Redakteurin, auf meine Antwort auf die Mail – und das Signal, dass das Buch gelesen wurde und mein Diskussionsangebot an den Rezensenten angenommen wird. Möglicherweise wurde das Buch immer noch nicht gelesen.

Auf HSozKult wurde zwischenzeitlich wider besseres Wissen behauptet, ich habe eine Replik „ausdrücklich abgelehnt“. Da bedurfte es keiner Klage – die Anwältin von HSozKult erkannte möglicherweise, dass diese Behauptung falsch und schlicht erfunden ist. Jedenfalls wurde rasch dafür gesorgt, dass die Redaktion diese Behauptung löscht. Gleichzeitig wurde im November 2016 von mir unverlangt die gesamte Rezension von Herrn Flachowsky gelöscht. Auch auf diesem Wege wird weder ein wissenschaftlicher Dialog, noch eine darauf fußende Replik leichter umgesetzt.

Rund vier ereignislose Monate später wurden abermals Behauptungen in die Welt getragen. Aufgrund der am 22.02.2016 veröffentlichten drei Texte erschienen Blogs, Twittermeldungen, Leserkommentare, etc., die offensichtlich davon ausgingen, dass ich ohne Kontaktversuch unmittelbar vor Gericht gegangen sei. Sogar von einer Klage war die Rede, dabei habe ich die von meinem Anwalt bereits vorbereitete Hauptsacheklage immer noch nicht eingereicht, um nach dem erfreulichen, aber unverlangten Zurückziehen der Rezension den Frieden zu wahren.

Durch die drei Veröffentlichungen entstanden jedoch rasch Diskussionen im Netz, die postfaktisch wirken. Doch nach nur wenigen Tagen wurde jedoch manch harsches Statement schon relativiert.

6. Betrachten Sie die Fakten und bilden Sie sich Ihre eigene Meinung!

Liebe Leser – bilden Sie sich eine eigene Meinung:

    • Herr Flachowsky schreibt eine Rezension, in der Unwahrheiten verbreitet werden. Diese reicht er dem zuständigen Redakteur bei HSozKult ein, der diese unabhängig und ergebnisoffen prüft, wie es wissenschaftlicher und journalistischer Brauch ist.

 

    • Der prüfende Redakteur ist Herr Wildt, der auch gleichzeitig Vertreter des Diensteanbieters für HSozKult ist. Zudem ist Herr Flachowsky sein Mitarbeiter an seinem Lehrstuhl.

 

    • Herr Hohls ist Herausgeber und sieht sich mit den Unwahrheiten in der Rezension konfrontiert, u.a. den angeblich nicht beschriebenen Verbrechen, aber auch mit meinem Wunsch, die verschiedenen Standpunkte im Gespräch zu klären. Er reagiert bis heute nicht, obschon es auch in seinen Augen um eine falsche Tatsachenbehautpung geht.

 

    • Stattdessen setzt seine Redaktion weitere Unwahrheiten in die Welt: Die falsche Behauptung, ich hätte eine Replik ausdrücklich abgelehnt. Das musste sie schon vor Monaten zurücknehmen. Die Redaktion hat zeitgleich ohne mein Wissen und Wollen die gesamte Rezension zurückgezogen.

 

    • Nach dem abgeschlossenen Verfahren vor dem Landgericht Hamburg wurden weitere Behauptungen zurückgezogen, obwohl nach eigener Auskunft dazu keine Verpflichtung bestand – da habe ich gern von weiteren Schritten abgesehen. Statt der erbetenen wissenschaftlichen Diskussion erschienen nun Monate nach Zurückziehen der Rezension seitens HSozKult am 22.02.2017 beinahe zeitgleich die genannten drei Texte.

 

    • Die Autorin des empörten Textes in der großen Tageszeitung ist keine Journalistin, wie mancher Beobachter vermutete. Sie ist ebenfalls Historikerin, wie auf der Plattform HSozKult zu sehen. Auf twitter heizte sei die Debatte weiter an, unter anderem mit der Behauptung „Ein schlechter Tag für das Rezensionswesen,wenn fachliches Urteil weggeklagt wird, weil Ressourcen fehlen @hsozkult“. Zum Thema „fachliches Urteil“ hat Jochen Zenthöfer von der FAZ sich deutlich geäußert.

 

Spätestens an dieser Stelle wäre es einmal interessant, wenn die Medien die wirtschaftliche Situation der Trägerin von H-Soz-Kult einmal näher betrachtete. Denn wer Recht hat, hat am Ende auch keine Kosten. Die Risiko-Abschätzung ist einfach: Steht es im Buch oder steht es nicht drin? Verzichtete jemand „ausdrücklich“ auf einer Replik oder nicht. Wer aber selbst weiß, dass er Unwahrheiten verbreitet, läßt tief blicken, wenn er trotzig verbreitet, dass er nur aufgrund fehlenden Geldes uinterlegen sei. Auch, und gerade weil Wissenschaft das Streben nach Wahrheiten ist. Wer aber beim Verbreiten von Unwahrheiten erwischt wird und sich nicht anders zu helfen weiß, als eine Schmutzkampagne durch weitere Falschbehauptungen loszutreten, sagt viel über sein Verhältnis zu Wissenschaft und Wahrheit.

Ein Blättern im Buch hilft Ihnen, liebe Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden.

7. Ergebnis

Herrn Flachowsky bitte ich auch auf diesem Wege – wie seit acht Monaten – abermals um wissenschaftlichen Dialog, gern unter Einbeziehung des Herausgebers von HSozKult, Herrn Professor Hohls; gern auch hochschulöffentlich. Gern stelle ich mich im Rahmen des Dialoges den erhobenen Vorwürfen, ich habe keine wissenschaftliche Diskussion mit dem Rezensenten gesucht und stattdessen geklagt. Es wäre schön, wenn ich in einer wissenschaftlichen Diskussion verstehen darf, wie Herr Flachowsky die von mir als diskussionswürdig gesehenen Punkte gemeint hat, um dann in meiner Replik seine Sicht der Dinge angemessen differenziert aufgreifen zu können.

27.02.2017

Julien Reitzenstein

Nachtrag: Bis heute gibt es keinen wissenschaftlichen Dialog – nicht einmal eine Reaktion, von jenen, die mit großer Geste erklären, dass Wissenschaft vom Austausch von Argumenten lebt. Stattdessen erhalte ich immer neue Screenshots von immer absurderen Behauptungen im Netz in dieser Sache.

* (Ergänzung am 01.03.2017 aufgrund von Zuschriften: Schmerzensgeld für Reputationsschäden sind nicht unüblich, der Schadenersatz für nachzuweisende wirtschaftliche Folgen hätte die Summe möglicherweise auf eine weitere Eskalationsstufe gebracht – aber wie gesagt: Eskalation hilft ja ja langfristig niemandem, Konsens findet man nur im Dialog und wenn beide Seiten aufeinander zugehen: Darum verzichtete ich darauf, finanzielle Forderungen geltend zu machen und trug mit meiner Familie die Folgen allein.)